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Sarek - Wildnis des NordensErster Tag Spät am Nachmittag kommen wir mit dem Bus aus
Gällivare in Vietas an. Als wir aussteigen spüren wir die volle
Wucht eines eiskalten Sturmwindes. Böen fegen über den See hinweg und
wir sind skeptisch ob wir heute überhaupt noch weiterkommen können.
Ein kurzer Fußmarsch von zwei Kilometern bringt uns zur Flugbasis von
Fiskflyg in Stora-Sjöfallet.
Ein leicht angetrunkener Pilot (er sieht kein Problem darin zu fliegen
- trotz des Sturmes), der uns nicht sehr vertrauenserweckend erscheint,
führt mit uns die Preisverhandlungen und als wir uns einig sind, laden
wir die Rucksäcke in die Cessna. Es handelt sich um ein Wasserflugzeug
und nach einem ausführlichem Check der Maschine gleiten wir aus der
Bucht hinaus auf den freien See, wo unser Pilot die Maschine in einem
Höllentempo über den aufgewühlten See Richtung Stora-Sjöfall jagt. Die
Wellen fühlen sich unter den Schwimmkörpern wie ein Waschbrett an und
wir sind - zumindest für kurze Zeit - froh endlich in der Luft zu sein.
Zweiter TagEs ist so warm - denke ich als ich die Augen öffne und stelle mit einem Blick nach draußen fest, dass die Sonne von einem wolkenlosen Himmel strahlt. Eine kleine Herde Rentiere zieht am Zelt vorbei und ich genieße die wärmende Sonne im Gesicht. Vor mir liegt eine atemberaubende Kulisse: Das Akka-Massiv im Norden, der Niak im Osten und die weite Landschaft des Padjelanta im Westen. Nach einem ausgiebigen Frühstück machen wir uns auf den Weg. Die Birken, die uns bisher begleitet haben, werden immer rarer, bis wir schließlich im Hochfjäll sind. Der Weg ist sehr beschwerlich, da der Untergrund sehr uneben ist - ein Frosthügel folgt dem nächsten. Außerdem kommen unzählige Steigungen und Abstieg hinzu - diese sind zwar kurz, aber mit der Zeit wird das ganz schön anstrengend. Am Spätnachmittag kommen wir am Snjuftjutisjakka an, den wir heute noch überqueren wollen. Allerdings haben wir uns das leichter vorgestellt, denn durch das viele Schmelzwasser ist der Wasserstand sehr hoch. Teilweise waten wir bis zu den Hüften im eiskalten Wasser und nur die vereinzelt eingestreuten Felsblöcke bieten uns die Gelegenheit unsere von der Kälte schmerzenden Beine wieder etwas aufzuwärmen. Am anderen Ufer angekommen finden wir einen sehr schönen und ebenen Platz zum Zelten - direkt am Fuße des Niak und mit einer traumhaften Aussicht. Ein ausgiebiges Sonnenbad versöhnt uns mit den Strapazen der letzten Stunden. Wir vertilgen die restlichen, nicht leichtgewichtigen Lebensmittel von der Anfahrt und landen sehr früh im Schlafsack, da wir unsere Körper für den Anfang zu sehr gefordert haben - und das trotz unseres intensiven Konditionstrainings mit und ohne Rucksäcken in der Vorbereitungsphase. Dritter TagWieder werden wir von der Sonne aus den Federn getrieben und müssen feststellen, dass es erst 6 Uhr ist. Wir beschließen die Apsiden zu öffnen, damit wir mit frischer Luft noch etwas dösen können - aber um 7 Uhr ist auch damit Schluss. Nichts wie raus aus dem Zelt und zum Waschen, denn danach ist man immer topfit. Das Müsli schmeckt heute morgen besonders gut und nach einem ausgiebigen Schmaus mit Knäckebrot und Tubenkäse packen wir in Windeseile zusammen und marschieren ins Routesvagge weiter. An den Ufern des Baches hat es noch dicke Schichten aus Schnee, die sich aber bei näherem hinsehen als Eiskristalle in Nadelform herausstellen - wir finden, dass sie etwas wie Wolkenkratzer aussehen, obwohl so etwas hier überhaupt nicht her passt. Die Schneefelder werden immer größer, der restliche Boden schmatzt bei jedem Schritt vernehmlich und es spritzt in alle Richtungen. Gut, dass wir auf unsere Gummistiefeln bestanden haben, obwohl viele meinten, diese seien nicht nötig. Man soll ja auch nicht immer auf andere hören *g*. Unterhalb eines auf der Höhe liegenden Gletschers richten wir das Zelt inmitten eines Bachdeltas auf einem Hügel auf - das war auch der einzige einigermaßen trockene Platz den wir gefunden haben. Mit nacktem Oberkörper (wegen der hohen Temperaturen) bereiten wir unsere Eier mit Speck - zusammen mit Dosenbrot und Butter ist dies ein herrlicher Leckerbissen. Zum Nachtisch vertilgen wir noch unsere streng rationierte Menge Ovomaltine-Riegel und legen anschließend eine Ruhepause ein. Am Abend kehrt die Kraft zurück und machen noch einen Ausflug zum Gletscher. Das Farbenspiel des Eises mit seinen verschiedenen Blautönen fesselt uns immer wieder vom neuen und wir machen uns Gedanken wie alt dieses Eis wohl schon sein mag. Unten im Tal sehen wir einen winzigen grünen Punkt auf einem Hügel - unser Zelt. Bei den gigantischen Dimensionen und der Weite der Landschaft sehen wir, wie unwichtig und winzig der Mensch eigentlich ist - Überall könnte die Natur so einzigartig sein wie hier, wenn wir Menschen sie nicht immer weiter zerstören würden.
Vierter TagWir können es nicht fassen - trotz des berüchtigten
Sarek-Wetters scheint auch heute die Sonne und es ist jetzt so warm,
dass wir in kurzen Hosen und Gummistiefeln marschieren. Heute kommen
wir in die tieferen Lagen des Sarek - wir kommen ins Herz des Sarek
- Skarja. Da wir auf der Höhe einen so unebenen Boden haben, beschließen
wir weiter ins Tal hinabzusteigen, um auf den sumpfigen Flächen besser
voranzukommen. Was wir aber von oben nicht sehen konnten, erkennen wir
erst als wir unten sind: mannshohes Weidengestrüpp, das uns das Vorankommen
fast unmöglich macht. Also steigen wir wieder auf und sind nun auch
mit dem "so unmöglichen" Boden zufrieden.
Fünfter TagEs ist wie verhext - die Sonne scheint schon wieder, aber es ist heute viel schwüler als sonst. Nach dem Frühstück kämpfen wir uns den Pass auf den Laddepakte hinauf, was bei diesen Temperaturen nicht unbedingt eine Wonne ist. Aber durch das Überqueren des Laddepakte müssen wir diesen nicht umgehen, was bei der im Tal vorhandenen dschungelartigen Vegetation auch nicht zu empfehlen gewesen wäre. Oben angekommen fängt es schon wieder an zu donnern und ebenso schnell wie am Vortag stehen wir mitten im Gewitter. Das Zelt steht, der Regen prasselt und wir machen eine kleine Pause und schlafen ein wenig. So schnell wie das Gewitter gekommen war, ist es auch wieder vorbei - die Sonne strahlt und wir beschließen noch etwas weiterzugehen. An einem noch zugefrorenen See vorbei führt unser "Weg" die Hochebene entlang, bis diese abrupt abbricht und den Blick ins Rapadalen freigibt. Was wir dort sehen macht uns etwas Sorge - eine pechschwarze Wolkenwand rast das Tal hinauf und noch bevor wir das Zelt stehen haben beginnt es zu regnen und ein eiskalter Wind bläst vom Tal herauf. Dieser steigert sich innerhalb kurzer Zeit zu einem ausgewachsenen Sturm, der unser Zelt fast um die Hälfte eindrückt - hoffentlich hält es ... Als ich mal kurz zum pinkeln muss, kann ich mich beinahe nicht auf den Beinen halten - so stark bläst der Wind. Jedenfalls bin ich froh, dass unser Zelt halb hinter einem Felsblock steht und nicht mehr auf der Passhöhe des Laddepakte. Heute Abend müssen wir im Zelt kochen, was wir wegen der stark gefallenen Temperatur und dem heftigen Sturm auch nicht als bedauerlich empfinden. Vergeblich versuchen wir einzuschlafen, denn das Zelt flattert so stark und die Windböen reißen an den Leinen, dass wir immer in Angst sind, das Zelt würde zerreißen - aber irgendwann werden wir dann doch vom Schlaf übermannt.
Sechster TagEs ist kalt - der Wind weht immer noch recht kräftig, hat aber keine Sturmstärke mehr.
Die Berge sind von Wolken verhüllt. Jetzt ist der Wetterwechsel da, den wir schon lange erwartet haben. Gleich nach dem
Frühstück brechen wir auf und steigen auf einem schmalen Pfad ins Tal hinab. Vor uns liegt der majestätisch
dahinströmende Rapaälven - mäandernd sucht er sich seinen Weg durchs Tal. Unten angekommen sind wir froh, dass wir den Trampelpfad haben, denn die Vegetation ist so üppig und dicht, dass ein vorankommen sonst beinahe unmöglich wäre. Das stellen wir fest, als urplötzlich ein
Rentierzaun den Weg versperrt. Da wir nicht drüber können, steigen wir im Tal auf und ab, bis wir eine Stelle zum überqueren finden. Jedoch ist unser Pfad verschwunden. Für eine Strecke von etwa zwei Kilometern benötigen wir geschlagene anderthalb
Stunden - wie froh sind wir, als wir unseren Weg wieder finden - nun kommen wir recht flott voran. Als wir einen kleinen Bach queren, sehen wir auf eine Gruppe von dunklen Gestalten. Mit Ponchos verhüllt sehen diese Männer richtig
furchterregend aus - wir grüßen freundlich und bekommen das übliche
"Hej" zurück.
Siebter TagWeiter geht es durch dichten dschungelähnlichen Wald, der immer wieder tolle Ausblicke auf den Rapaälven freigibt. Inzwischen regnet es wieder und der Wasserspiegel des Flusses ist seit gestern deutlich gestiegen. Teilweise ist der Fluss über die Ufer getreten. In der Ferne können wir das erste Mal den Nammatj erkennen, der unser heutiger Zielpunkt ist. Die Vegetation ist einmalig - Orchideenwiesen wechseln mit Moltebeerenfeldern ab, dichter Dschungel mit offenen Flächen die Ausblicke auf weit entfernte Bergmassive freigeben. Da erspähen wir in einem ruhigen Seitenarm des Rapa einen mächtigen Elchbullen, der unter Wasser die Pflanzen abgrast. Seine Schaufel sind so mächtig, wie wir noch nie welche gesehen haben. Plötzlich blickt er in unsere Richtung und bleibt erstarrt stehen - hat er uns entdeckt? Wir wagen kaum zu atmen und sind erleichtert als er sich wieder dem Fressen zuwendet. Erst viel später können wir uns losreißen und verlassen "unseren" Elch. Der Nammatj rückt immer näher und an seinem Fuße queren wir ein mächtiges Blockfeld. Wir müssen höllisch aufpassen, nicht auf den flechtenüberzogenen Felsen auszurutschen. Schließlich erreichen wir die Bootsanlegestelle am Ufer, von wo aus wir von Ville Länta nach Aktse gebracht werden. Der ungewohnte Trubel dort ist nach der Stille und Beschaulichkeit der letzten Tage zuviel für uns und nach einer kurzen Pause steigen wir auf dem Kungsleden steil den Berg hinauf in Richtung Sitojaure. Oben angekommen zweigen wir auf einen kleinen Pfad ab der uns zum Skierfe bringt - auf halber Strecke bauen wir unser Lager auf und lassen den Tag gemütlich ausklingen.
Achter TagHeute folgt ein weiteres Highlight - wir wollen auf den Skierfe. Es ist sehr kalt und immer wieder jagen Graupelschauer, begleitet von starkem Wind, über uns hinweg und die scharfen Kristalle schmerzen im Gesicht. Aber die Aussicht ist so gigantisch, dass das überhaupt nicht störend wirkt - im Gegenteil, wir haben das Gefühl wir werden für unsere Mühen übermäßig belohnt - noch nie haben wir eine so faszinierende Kulisse gesehen: in verschiedensten Blau- und Grautönen mäandert der Rapaätno durch sein in dieser Form in Schweden einmaliges Delta. Wie Augen in der dichten Vegetation blinzeln uns die vielen Seen an. Aber auch der Blick zurück auf die Berge, die wir die letzten Tage durchwandert haben, verursacht uns eine Gänsehaut der Wohligkeit. Viel später - als wir uns losreißen können - machen wir uns durch ein baumloses Hochtal auf bis zum Sitojaure. Nun müssen wir uns entscheiden: paddeln oder per Motorboot übersetzen lassen ... angesichts des starken Windes und nur eines am Ufer liegenden Ruderbootes - so müssten wir drei mal rüber rudern - entscheiden wir uns für die Variante mit Motor. Ein Same, der uns gleich noch einen geräucherten Saibling verkauft, bringt uns für viel Geld über den See. Die Hütten sind toll, vor allem die neuere, denn dort hat es kleine Räume für 2 Personen - alle mit einem eigenen gusseisernen Ofen. Zusammen mit einem Schweizer Pärchen sind wir die einzigen Übernachtungsgäste und verbringen bei einem frischen Bircher Müsli einen langen Abend miteinander.
Neunter TagJetzt wird es ernst, denn die letzte Etappe liegt vor uns. Wir verlassen das Birkenwäldchen um den Sitojaure und erreichen wieder ein langgezogenes Hochtal, das uns ohne größere Höhepunkte bis kurz vor Saltoluokta führt. Erst jetzt öffnet sich der Ausblick auf den stahlblau im Tal funkelnden Akkajaure. Ein letztes Erinnerungsfoto am Wegweiser wird geschossen und dann beginnt der Abstieg ins Tal. Dort ist gerade ein Fernsehsender dabei, die Musikwoche in Saltoluokta zu filmen und wir werden als willkommene Abwechslung gesehen und sogleich gefilmt - "Nichts als weg" sagen wir uns und mieten so schnell wie möglich einen Raum an. Bei einer anschließenden Dusche und mehreren Saunagängen mit Ausblick auf den See lassen wir in Gedanken noch einmal die ganzen letzten Tage Revue passieren und wissen ... Sarek - wir kommen wieder ...
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(C) 2000 by Lappland-Crew - Last updated 18.05.2004
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